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Evolution im Sauseschritt

Meldung vom 04.03.2008 - Pflanzen passen sich sehr schnell den veränderten Bedingungen in den Städten an

Städtische Unkräuter sind durch die Aufsplitterung ihres Lebensraums gezwungen, sich sehr schnell anzupassen: Sie wenden immer weniger Energie für die Verbreitung ihrer Samen auf und vermeiden auf diese Weise, dass die Saat nutzlos auf Asphalt fällt. Stattdessen stecken sie mehr ihrer Ressourcen in die Entwicklung von Samen, die direkt neben ihnen zu Boden fallen, haben Pierre-Olivier Cheptou vom Zentrum für funktionelle Ökologie und Evolution in Montpellier und seine Kollegen herausgefunden. Das Objekt ihrer Forschung war der Heilige Pippau (Crepis sancta), der im Stadtgebiet von Montpellier die Erdflächen um Alleebäume herum bevölkert.

Der Drang zur Verbreitung wohnt fast allen lebenden Organismen inne und ist evolutionär durchaus sinnvoll: Konkurrenz wird aus dem Weg gegangen und die Gefahr des Inzest minimiert. Außerdem ist die Überlebenschance einer Art bei Katastrophen besser, wenn nicht alle auf einem Fleck sitzen. Verbreitung kann für ein Individuum aber auch mit Kosten verbunden sein, wenn zum Beispiel fleischige Früchte gebildet werden müssen, um Tiere als Träger der Samen anzulocken. Gehen die Samen verloren, hat die Pflanze kostbare Nährstoffe und Energie völlig umsonst aufgewendet.

Cheptou und seine Kollegen dachten sich aus diesem Grund, dass bei Stadtpflanzen eigentlich eine Veränderung bezüglich der Ausbreitung zu sehen sein müsste. Die meisten dieser Gewächse leben auf sehr kleinen Arealen von höchstens einem Quadratmeter, die durchschnittlich fünf bis zehn Meter vom nächsten Pflanzenstandort entfernt sind. Die Bestäubung zwischen den Bewohnern der Flächen funktioniert noch, da sie im Fall des Heiligen Pippau von Insekten vorgenommen wird, doch die Samen erreichen die nächste Erdfläche fast nie.

Tatsächlich konnten die Forscher ihren Verdacht bestätigen: Der Heilige Pippau hat sich während der letzten zwölf Jahre dahin entwickelt, verstärkt schwere Samen ohne Flugschirm zu bilden und die Produktion der leichteren, flugfähigen Samen einzuschränken. Die Wissenschaftler um Cheptou konnten dies so exakt feststellen, weil das Baudatum der Gehwege, an deren Rand die Pflanzen wachsen, genau bekannt ist. Die Entwicklung muss innerhalb dieser Zeitspanne erfolgt sein, da Artgenossen des Heiligen Pippaus auf dem Land die Tendenz zu schweren Samen nicht zeigen.

Pierre-Olivier Cheptou (Zentrum für funktionelle Ökologie und Evolution, Montpellier) et al.: PNAS, Band 105, S. 3796

wissenschaft.de – Livia Rasche


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